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LMU-Doktorandin Mina Stefanovic mit DAAD-Preis ausgezeichnet

23. Oktober 2020

Neun Studierende beziehungsweise Promovierende wurden für den diesjährigen DAAD-Preis nominiert. Die Auswahlkommission hat sich schließlich für die Serbin Mina Stefanovic entschieden. Seit Oktober 2018 promoviert die 26-jährige Doktorandin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie, unterstützt von einem BAYHOST-Stipendium. Und beeindruckt ganz nebenbei durch ein ehrenamtliches Engagement, das Leben rettet.

stefanovic Mina Stefanovic (Bild: LMU)

Sie haben in Serbien Ihren Master in Psychologie gemacht. Zur Promotion kamen Sie vor zwei Jahren nach Deutschland. Warum?
Mina Stefanovic: Deutschland ist bekannt für seine psychologische Forschung. Darum bin ich hier. Im Balkan brauchen noch immer viele Menschen Hilfe, weil sie psychisch unter den Kriegsfolgen leiden. Ich habe ehrenamtlich in einem psychiatrischen Krankenhaus in Serbien gearbeitet und viele Patienten kennengelernt, die sagten: Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre ich nicht krank. Das hat mich motiviert, meine Promotion zum Thema zu schreiben.

Um was geht es da genau?
Um Netzwerkanalyse bei Posttraumatischen Belastungsstörungen. Ich untersuche, wie die Symptome zusammenhängen und welche besonders zentral sind. Wenn man das weiß, kann man die Interventionen an diesen zentralen Symptomen ansetzen. Das könnte der wichtige erste Schritt einer Individualisierung von Psychotherapie sein.

Ihr ehrenamtliches Engagement hat die Auswahlkommission besonders beeindruckt. Was bedeutet es für Sie, anderen zu helfen?
Meine Überzeugung ist: Gerade wenn wir das Glück haben, keine Hilfe zu brauchen, sind wir verpflichtet, anderen zu helfen.

Nach Ihrer Ankunft in Deutschland haben Sie sich sofort ehrenamtlich engagiert.
Stimmt. Ich kam im Oktober 2018 her und habe gleich im November bei Refugio angefangen, und zwar in dem Projekt „Willkommen“. Ich betreue eine Frau aus Eritrea, helfe ihr bei der Wohnungssuche, beim Englisch- und Deutschlernen und motiviere sie, einen besseren Job zu finden.

Als Sie damit begonnen haben, waren Sie selbst noch gar nicht richtig angekommen…
Ja, ich war in gewisser Hinsicht wie sie. Ich konnte gut verstehen, wie die Leute sich fühlten, so weit weg von der Heimat.

Es ist Ihnen in den vergangenen beiden Jahren auch gelungen, sehr viel Geld für die medizinische Behandlung eines schwerkranken Kindes zu sammeln. Wie kam es dazu?
Das war ein Zufall. Ich habe im Urlaub eine Familie aus einem Entwicklungsland kennengelernt. Das Kind hatte eine Operationsnarbe an der linken Brust, auf der Höhe des Herzens. Ich erfuhr, dass es einen angeborenen Herzfehler hat und noch weitere Operationen brauchte, sonst würde es sterben. Eine deutsche Klinik war dazu bereit, aber die Operationen sollten insgesamt circa 100 000 Euro kosten. Also habe ich zweihundert E-Mails losgeschickt, um das Geld aufzutreiben. Nur vier positive Antworten kamen zurück. Aber das war genug. Das Kind konnte operiert werden und ist gesund. Danach habe ich durch ähnliche Spendenaktionen noch fünf weiteren Kindern helfen können.

Und wie ist Ihre Erfahrung: Ist es einfach, Leben zu retten?
Am Anfang war es sehr stressig und kompliziert. Aber das Geld ist da. Und es gibt Menschen, die bereit sind, es zu spenden. Wenn man miteinander kommuniziert, gibt es Hoffnung. Und es ist auch nicht immer Geld nötig. Manche Leute brauchen einfach Hilfe dabei, Bewerbungen zu schreiben und E-Mails. Das ist so einfach, das kann eigentlich jeder.

Sie waren bei all dem ganz auf sich gestellt?
Bisher habe ich alles allein gemacht. Aber ich würde gern einen Verein gründen.

Ist das zeitlich alles zu schaffen, neben der Promotion?
Schon. Aber eine Vereinsgründung ist natürlich umständlich. Genauso umständlich, wie es übrigens ist, ein Visum zu verlängern. (lacht) Vergangene Woche war ich schon um 6 Uhr morgens beim Kreisverwaltungsreferat, es hat geregnet, es war kalt, ich habe acht Stunden draußen gewartet. Vergeblich. Heute bin ich darum schon um vier da gewesen. Neun waren vor mir. Um sechs Uhr waren wir schon hundert. Alle standen wir draußen, stundenlang und dicht zusammen. Aber jetzt habe ich die Bescheinigung, die ich für meinen Minijob als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Psychologie brauche.

Wann wollen Sie denn mit der Promotion fertig sein?
Im Januar 2022 vielleicht.

Und wie könnte es dann weitergehen?
Seit ein paar Wochen mache ich meine dreijährige Psychotherapieausbildung. Die habe ich zwar schon in Serbien abgeschlossen, aber das wird nicht anerkannt.

Wollen Sie auf Dauer nach Serbien zurückkehren?
Ich würde sehr gern hier weiterforschen. Aber es kann auch sein, dass ich nach Serbien zurückkehre.

Hat Corona Ihnen viele Probleme bereitet?
Als mein Großvater im April starb, konnte ich nicht zu seiner Beerdigung fahren. Das war schwer für mich. Auch mein Promotionsprojekt hat gelitten, weil ich ja mit Patienten arbeite, es aber zeitweise verboten war, in die Klinik zu gehen und Daten zu sammeln. Gerade läuft es zwar etwas besser. Aber es bleibt kompliziert.

Interview: Monika Goetsch

Quelle: LMU