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Klinische Studie zu Blutdrucksenkern bei COVID-19: Pausieren beschleunigt möglicherweise die Genesung

12. Juni 2021

Das zeitweise Absetzen von ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptorblockern beeinflusst zwar nicht die Schwere einer COVID-19-Erkrankung, könnte sich aber günstig auf die Erholungsphase auswirken. Das Pausieren könnte vor allem bei älteren Herz-Kreislauf-Patient*innen sinnvoll sein, schlussfolgern die verantwortlichen Autoren einer gemeinsamen Studie der Medizinischen Universität Innsbruck und des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten Fachjournal The Lancet Respiratory Medicine veröffentlicht.

Massberg Prof. Dr. med. Steffen Massberg, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des LMU Klinikums (Bild: LMU Klinikum)

Zu Beginn der Pandemie waren Kardiolog*innen und Herz-Kreislauf-Patient*innen verunsichert: Könnten Medikamente aus der Gruppe der ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptorblocker schuld daran sein, dass so viele Herz-Kreislauf-Patienten einen schweren COVID-19-Verlauf erlitten? Die Medikamente greifen in das Renin-Angiotensin-System ein und regulieren den ACE2-Rezeptor hoch, welcher dem Coronavirus als Eintrittspforte dient – mehr Rezeptor, mehr Virus war die Hypothese. ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker gehören zu den weltweit am meisten verordneten Arzneimitteln und werden unter anderem zur Therapie des arteriellen Bluthochdrucks, der Herzschwäche und dem Diabetes mellitus eingesetzt.

Randomisierte Studie klärt dringende Frage

Ein Team der Medizinischen Universität Innsbruck und des LMU Klinikums München ging deshalb der Frage nach, ob zeitweises Absetzen der Medikamente sich auf den Verlauf von COVID-19 positiv auswirken würde. „Es bestand in der Fachgemeinschaft Konsens, dass nur kontrollierte, randomisierte Interventionsstudien diese dringende Frage klären können“, sagen die beiden verantwortlichen Autoren Axel Bauer, Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Medizin Uni Innsbruck und Steffen Massberg, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I am LMU Klinikum.

Die Studie ACEI-COVID-19, finanziert durch die SARS-CoV-2-Akutförderungen des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und des Österreichischen Wissenschaftsfond (FWF), lief von April 2020 bis Februar 2021 an 35 Zentren in Deutschland und in Österreich. In ihr wurden 204 Herz-Kreislauf-Patient*innen, die akut mit SARS-Cov-2 infiziert waren, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe setzte die Blutdrucksenker für 30 Tage ab, die andere Gruppe nahm sie weiter. In beiden Gruppen wurden täglich alle relevanten Organfunktionen durch standardisierte Tests bestimmt, um etwaige Effekte sensitiv zu erfassen.

Ältere vorerkrankte Patient*innen könnten profitieren

Das Absetzen der Medikamente hatte auf die maximale Schwere der Erkrankung keinen Einfluss. Es zeigten sich jedoch Hinweise, dass Patient*innen, die pausierten, sich rascher und besser erholten. So hatten in der Gruppe mit pausierter im Vergleich zur fortgeführten Therapie nach 30 Tagen nur noch halb so viele Patient*innen eine Organschädigung oder waren verstorben. „Im Gegensatz zu bisherigen Studien, die deutlich jüngere Patientinnen und Patienten eingeschlossen haben, liefert unsere Studie erstmals Hinweise, dass gerade ältere, vorerkrankte Personen von einem zeitweisen Pausieren einer Therapie mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptorblockern profitieren könnten“, so Axel Bauer und Steffen Massberg.

Allerdings warnen die Autoren davor, die Erkenntnisse zu verallgemeinern: „Es kann im Einzelfall sinnvoll sein, eine Therapie im Rahmen einer akuten COVID-19 Erkrankung zeitweise auszusetzen. Die Entscheidung muss jedoch ärztlich getroffen werden. Hierbei gilt es, die Indikation für die Medikamente, die Verfügbarkeit alternativer Therapien und ambulanter Überwachungsmöglichkeiten sorgfältig zu berücksichtigen. In jedem Fall ist es wichtig, dass mit der Einnahme der wichtigen Medikamente nach überstandener Erkrankung auch wieder begonnen wird.“

An der multizentrischen Studie waren folgende Institutionen beteiligt:

Universitätskliniken Innsbruck und Institute der Medizinischen Universität Innsbruck, Kliniken und Institute des LMU Klinikums München, Landeskrankenhaus Hall, Krankenhaus Schwaz, Rotkreuzklinikum München, Krankenhaus Memmingen, Krankenhaus Zams, Krankenhaus Augsburg, Universität Duisburg-Essen, Universität Freiburg, Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf Forschung, Krankenhaus Mühldorf, Krankenhaus St. Johann in Tirol, Krankenhaus Weiden, Krankenhaus Dachau, Klinikum Klagenfurt, Münchner Klinik Bogenhausen & Schwabing, Universitätsklinik Aachen, Universitätsklinik Erlangen.

Titel der Originalarbeit

Bauer A, Schreinlechner M, Sappler N, Dolejsi T, Tilg H, Aulinger B, Weiss G, Bellmann-Weiler R, [...], Massberg S
Discontinuation versus continuation of renin-angiotensin-system inhibitors in COVID-19 (ACEI-COVID): a prospective, parallel group, randomised, controlled, open-label trial
The Lancet 2021

Weitere Informationen


SARS-CoV-2-Viren gelangen über die sogenannten Angiotensin-Converting-Enzyme (ACE) 2-Rezeptoren in die Zellen des Körpers. Diese Rezeptoren werden nicht nur in der Lunge, sondern in zahlreichen Organen wie dem Herzen, dem Magen-Darm-Trakt und dem zentralen Nervensystem exprimiert. Experimentelle Studien zeigen, dass diese Rezeptoren in verschiedenen Organsystemen durch ACE-Hemmer (ACEI) und Angiotensinrezeptor-Blocker (ARB) hochreguliert werden können. Dies wiederum könnte die Virusaufnahme und -verbreitung erleichtern und damit den COVID-19-Verlauf ungünstig beeinflussen.

ACEI und ARB zählen zu den weltweit am meisten verordneten Medikamentenklassen und werden unter anderem zur Therapie des arteriellen Bluthochdrucks, der Herzschwäche und dem Diabetes mellitus eingesetzt. Bereits zu Beginn der Pandemie fiel auf, dass schwere COVID-19 Krankheitsverläufe gehäuft bei Patient*innen auftreten, die an Vorerkrankungen litten, die typischerweise mit ACEI/ARB behandelt werden. Inwiefern eine bestehende ACEI/ARB-Therapie hierbei eine Bedeutung spielt, war nicht geklärt.

Ansprechpartner

Prof. Dr. med. Steffen Massberg
Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I
+49 89 4400 72371
steffen.massberg(at)med.uni-muenchen.de

Univ.-Prof. Dr. Axel Bauer
Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin III
Medizinische Universität Innsbruck
axel.bauer(at)i-med.ac.at

Quelle: LMU Klinikum