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Sorge um die Spätfolgen

16. Januar 2017

Wie sich die Betroffenen von Tropenkrankheiten besser finden und behandeln lassen

spaetfolgen Wurmförmiger Erreger: der Einzeller Trypanosoma cruzi, zwischen roten Blutzellen. Aufnahme: Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin, Klinikum der Universität München

Hierzulande ist die Chagas-Krankheit weitgehend unbekannt, in Lateinamerika grassiert sie: Zwischen sechs und sieben Millionen Menschen weltweit sind vorsichtigen Schätzungen zufolge mit dem Erreger Trypanosoma cruzi infiziert. Mehr als 10.000 Menschen sterben jährlich daran. Überträger, sogenannte Vektoren, sind Raubwanzen, die die einzelligen Parasiten bei ihrem Biss verbreiten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Chagas zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten. Als besonders tückisch gilt die Chronifizierung der Krankheit, die zu dramatischen Spätfolgen führen kann. Ohne Behandlung tragen die Betroffenen den Erreger in einer Art Schlafstadium lebenslang in sich. In den meisten Fällen wissen sie gar nichts davon, weil die Symptome der frühen akuten Phase eher unspezifisch sind. Bei einem Drittel der Infizierten jedoch zeigen sich oft erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten schwerwiegende Folgeschäden: Die Betroffenen leiden an neurologischen Störungen, Herzmuskelschwäche oder krankhaften Ausweitungen von Darm oder Speiseröhre.

Ein deutsch-spanisches Team um Dr. Michael Pritsch und Professor Michael Hölscher von der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum der LMU hat nun in einer ersten Pilotstudie untersucht, welche Implikationen die Chagas-Krankheit für die Gesundheitsversorgung und –überwachung in Deutschland hat. Die Ergebnisse stellen die Mediziner jetzt in BMJ Open vor, der Open-Access-Zeitschrift des British Medical Journal.

Die Chagas-Krankheit tritt in mehr als 20 Staaten Lateinamerikas gehäuft auf. Das mit Abstand am stärksten betroffene Land ist Bolivien. Die Wissenschaftler untersuchten und befragten darum 43 Menschen bolivianischer Herkunft, die großenteils bereits jahrelang in Deutschland leben, zum Teil sogar hier geboren sind. Bei vier der Probanden (9,3 Prozent) stellten die Wissenschaftler eine Infektion mit T. cruzi fest. Die Stichprobe sei zwar zu klein, um repräsentativ zu sein, heißt es in der Studie, und die Häufigkeit, mit der die Infektionen in der Studie auftraten, lag zwar unter dem Wert in vergleichbaren Tests beispielsweise in Spanien. Trotzdem halten die Wissenschaftler diese Prävalenz immer noch für „alarmierend“, nicht zuletzt weil Gesundheitsversorgung und –überwachung hierzulande nicht darauf eingestellt sind.

Nahezu keiner Teilnehmer war bereits zuvor einmal auf T. cruzi getestet worden. Überhaupt wussten die meisten wenig über die Krankheit, ihre Risiken und die Verbreitungswege. Weitergetragen werden kann der Erreger – auch ohne die Präsenz von Raubwanzen, den Vektoren – allerdings nur bei Transfusionen mit verseuchten Blutprodukten ober bei Organtransplantationen. Infizierte Schwangere können weiterhin die Infektion an ihr Kind übertragen. Bei zwei der seropositiv getesteten Teilnehmerinnen der Studie, Mutter und Tochter, war dies nach Ansicht der Wissenschaftler der Fall.

Die Autoren halten gezielte Anstrengungen im deutschen Gesundheitswesen für notwendig. So propagieren sie Aufklärungskampagnen, die Communities aus Ländern einbinden, in denen die Krankheit endemisch ist, und zudem die besonders gefährdete Gruppe von Migranten mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus zu erreichen suchen. Die Wissenschaftler fordern außerdem ein besseres Monitoring der Krankheit, zumal die epidemiologische Datenlage in Deutschland in Bezug auf die Chagas-Krankheit äußerst lückenhaft sei. Es gebe hierzulande keine ausreichende Kontrolle der potentiellen Transmission. Blutspender würden zwar beispielsweise kursorisch gefragt, ob sie an einer Infektion mit Parasiten litten, in der Aufzählung sei Chagas erwähnt. Doch Richtlinien für Tests bei Risikogruppen fehlten. Lediglich Touristen und andere Reisende, die aus Ländern zurückkämen, in denen Chagas gehäuft auftrete, dürften sechs Monate lang kein Blut spenden. Auch schwangere Frauen aus Risikogebieten würden nicht standardmäßig auf die Chagas-Erkrankung untersucht. Mit den von ihnen geforderten Maßnahmen, so hoffen die Wissenschaftler, könnten nicht nur weitere Infektionsfälle entdeckt und die Betroffenen erfolgreich behandelt werden. Auch das Risiko, die Erreger in Deutschland nicht-vektoriell zu übertragen, ließe sich so deutlich vermindern.

Titel der Originalarbeit

Navarro, Miriam; Berens-Riha, Nicole; Hohnerlein, Stefan; Seiringer, Peter; von Saldern, Charlotte; Garcia, Sarah; Blasco-Hernández, Teresa; Navaza, Bárbara; Shock, Jonathan; Bretzel, Gisela; Hoelscher, Michael;Löscher, Thomas; Albajar-Viñas, Pedro; Pritsch, Michael
Cross-sectional, descriptive study of Chagas disease among citizens of Bolivian origin living in Munich, Germany.
BMJ Open 2017;7:e013960.

Quelle: Pressemitteilung LMU (Text und Bildnachweis)