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Migräne

Dass die Migräne etwas mit einer erblichen Veranlagung zu tun hat, ahnen Mediziner seit langem. „Das kennt man aus der schlichten klinischen Beobachtung von Patienten“, sagt Dr. Tobias Freilinger von der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Klinikums der Universität München. Und das wurde auch in großen Bevölkerungsstudien bestätigt. Doch welche Genvarianten im Erbgut das Risiko für die Migräne erhöhen, war bisher weitgehend unbekannt. Seit 2010 hat ein internationaler Forscherverbund nun „einen ersten robusten Hinweis“ gefunden, wie Prof. Martin Dichgans vom Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung es nennt. Zusammen mit Dr. Freilinger ist er am „International Headache Genetics Consortium“ beteiligt. Die Erkenntnis: Eine bestimmte genetische Variante erhöht möglicherweise die „Konzentration von Glutamat im Gehirn“, erklärt Dr. Freilinger. Glutamat ist ein Botenstoff, der die Kommunikation von Nervenzellen reguliert.

Migräne ist ein attackenartig auftretender, pulsierend-pochender und meist einseitiger Kopfschmerz, der oft mit Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit einhergeht. An der Krankheit leiden in westlichen Ländern 17 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer. Mindestens zehn Prozent der Betroffenen werden zusätzlich von vorübergehenden neurologischen Symptomen geplagt, die den Kopfschmerzen meist vorangehen und die die Experten als „Aura" bezeichnen. Charakteristisch dafür sind in erster Linie Sehstörungen, aber auch andere Phänomene wie Gefühls- oder Sprachstörungen.

„Diese Variante ist der erste bekannte genetische Risikofaktor für die häufigen Formen der Migräne mit Aura“

Auf diese Migräne mit Aura fokussierten sich die Forscher aus Deutschland, Finnland und den Niederlanden und verglichen die Genome von zunächst gut 3.000 Migräne- Patienten und rund 10.000 gesunden Probanden mittels einer genomweiten Assoziations-Analyse – mittlerweile ein genetisches Standardverfahren bei der Untersuchung häufiger Erkrankungen. Hierbei wurden mehr als 500.000 über das Genom verteilte variable Positionen, so genannte Polymorphismen, bei Patienten und Kontrollen analysiert. Das Ziel: Varianten einzukreisen, die speziell mit der Migräne assoziiert sein könnten – eine Sisyphus-Arbeit für Statistiker und Bioinformatiker. So identifizierten die Forscher einen rs1835740 genannten Polymorphismus auf Chromosom 8, der stark mit Migräne assoziiert war. Der Befund wurde durch die Analyse einer zweiten Patienten-Gruppe mit fast 3.000 Patienten und gut 40.000 Gesunden weiter bestätigt. „Diese Variante ist der erste bekannte genetische Risikofaktor für die häufigen Formen der Migräne mit Aura“, sagt Dr. Freilinger. Bisher waren nur bei sehr seltenen und besonders schweren Formen der Migräne die genetischen Ursachen entschlüsselt worden. „Unser Ergebnis ist also ein wichtiger Durchbruch“, so Dr. Freilinger.

Dies umso mehr, als auch ein möglicher Erklärungsansatz gefunden wurde: der Polymorphismus liegt zwischen den Genen MTDH und PGCP, die beide für das Gleichgewicht des Glutamat-Stoffwechsels im Gehirn wichtig sind. Und tatsächlich legen funktionelle Untersuchungen nahe, dass die gefundene Risiko-Variante zu einer übermäßigen Akkumulation von Glutamat an den Synapsen, den Kontaktstellen der Neuronen, führen könnte. „Bei der Migräne ist also das Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung der Neuronen durcheinander geraten“, sagt Prof. Dichgans. Nun haben die Münchner Forscher zusammen mit ihren Kollegen eine ähnliche Studie für die wesentlich häufigere Migräne ohne Aura auf den Weg gebracht – auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

Quelle: Jahresbericht 2010 (Text und Bildnachweis)