Medizinische Fakultät
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War König Ludwig II. eine Eule?

merrow Professorin Dr. Martha Merrow
Direktorin am Institut für Medizinische Psychologie

Mit einem urbayerischen Mythos hat sich Martha Merrow an der LMU eingeführt. Gewissermaßen standesgemäß. „Wussten Sie, dass König Ludwig II. Schlaf-Wach-Rhythmus komplett umgekehrt war?“, sagt sie, während ihre Augen aufblitzen“, „das ist so faszinierend.“ Seit Ende Mai 2012 leitet die Amerikanerin als Direktorin das Institut für Medizinische Psychologie und erforscht die molekularen und genetischen Grundlagen der inneren Uhr der Lebewesen, die fast alle Reaktionen und Funktionen innerhalb eines Tages rhythmisch schwingen lässt. Der Ludwig, sagt sie im Wissen, dass sie in ihrer ersten Vorlesung vor den versammelten Professoren-Kollegen eine steile These präsentiert hat, also der Ludwig litt wohl unter einem „reversen Chronotyp“, wie sie es ausdrückt. Der Märchen-König: ein vollkommener Nachtmensch, der immer dann, wenn es – am Tage – um offizielle Staatsgeschäfte ging, nicht funktionieren konnte. Weil er seinem extremen Chronotyp über weite Strecken seines Lebens nicht folgen durfte, glaubt die neue Chefin in der Goethestraße 31, sei sein Neurotransmitter-Haushalt dermaßen gestört gewesen, dass er letztlich dem Wahnsinn und der Depression verfallen sein könnte.

Ludwig II. und die hoch gewachsene Forscherin aus einer Akademiker-Familie in Hartford, Connecticut, USA – das scheint zumindest vordergründig so recht nicht zu passen. Exaltiert wirkt Martha Merrow nicht im Gespräch, eher unaufgeregt, überlegt und nüchtern, interessiert und ruhig, freundlich und offen. Man würde kaum glauben, dass sie die Ungeduld plagen kann. Kann sie wohl, sofern die nächsten wissenschaftlichen Daten nicht schnell genug aus ihrem Labor geliefert werden. Ob sie eine leidenschaftliche Forscherin sei? „Oh ja, sehr“, kommt die Antwort sofort so entschlossen wie leise, „definitiv, das ist mein Leben. Ich kann gar nicht erwarten, die Daten der nächsten Experimente zu bekommen.“

"Unsere Entdeckung war sehr umstritten"

Insofern wird die Mutter zweier erwachsener Töchter derzeit auf eine harte Probe gestellt: Nach ihrem Umzug von der Universität im holländischen Groningen baut ihre Gruppe gerade einen neuen Forschungszweig auf. Das Team will die Mechanismen der inneren Uhr des Fadenwurms Caenorhabitis elegans mit seinen nur 959 Zellen beschreiben. Und es dauert, bis man sich erstmal mit dem Tier und seinem System vertraut gemacht hat. Da heißt: abwarten und den Mitarbeitern vertrauen. Und sich den anderen Aufgaben ihres neuen Professoren-Daseins in München widmen.

Beispielsweise Deutsch zu lernen. Die Biologin hat gerade ein Problem mit den Fällen. Den grammatischen. „Deutsch ist hart“ sagt sie. Aber es hilft alles nichts. In einigen Wochen steht ihre erste Vorlesung in Deutsch an. Und die Lehre ist gerade jetzt ein hartes Brot in Deutschland: „Unser kleines Institut muss in jedem Semester fast 1.000 Studierende ausbilden“, sagt sie, „trotzdem ist die Lehre natürlich der wichtigste Teil meiner Arbeit.“ Außerdem, im Gegensatz zur oft ego-getriebenen Forschung, der menschenfreundlichere, wie Frau Merrow findet.

Das Pensum hält die neue Direktorin in Atem. „Momentan stehe ich früh auf und gehe spät zu Bett“, sagt sie. Leider, denn das widerspricht ihrem natürlichen Chronotyp: „Wenn ich könnte, würde ich mich um 9 Uhr abends schlafen legen und um 5 Uhr morgens aufstehen.“ Mithin ist Martha Merrow eine klassische Lerche. Sie weiß, dass man dem persönlichen Chronotyp zumindest halbwegs folgen sollte. So kommt sie selbstverständlich ihren Studierenden entgegen. Die Vorlesungen starten nicht vor zehn Uhr morgens – wegen der „Eulen“, jener Leute, deren innere Uhr sie erst spät ins Bett treibt und die vor acht bis neun Uhr morgens keinen geraden Gedanken fassen können. Den jungen Wissenschaftlern im Institut gewährt sie größte zeitliche Freiheit; sie kommen und gehen, entsprechend ihres Chronotyps und sind komplett verantwortlich für das, was sie tun.

bild Untersuchungen an den Modellorganismen Caenorhabditis elegans und Neurospora crassa

So wie Martha Merrow Mitte der 1990er bis in die Nuller Jahre, als sie bereits im Institut für Medizinische Psychologie habilitierte und ihren größten Heureka-Moment als Forscherin erlebte. Im einzelligen Pilz Neurospora crassa fand sie damals mit ihren Münchner Kollegen heraus, dass der Organismus nicht nur über eine einzige molekulare Maschinerie verfügt, die die innere Uhr antreibt. Fällt das Haupt-Uhrwerk aus, springen andere Uhrwerke ein. In jener Zeit hielt das niemand für möglich. „Unsere Entdeckung war sehr umstritten“, erinnert sich die Professorin. „Aber ich behielt recht“, sagt sie, „und das hat mich gelehrt, im Zweifel couragiert zu sein, auch wenn ich nicht gerade von Haus aus eine mutige Person bin.“

Das mag kokett klingen, doch Martha Merrow verschweigt auch nicht, dass ihre ohnehin spät begonnene Karriere vor allem nach der Habilitation zu stocken drohte und ihr Gedanken ans Aufhören in den Sinn kamen: „Ich hatte Probleme, eine Stelle zu finden.“ Die Rettung kam aus Groningen, wo die Universität eine Position unbedingt mit einer Frau besetzen wollte: „Das war Glück!“ Eine Existenz abseits der Wissenschaft, sagt sie weiter, „war eine schreckliche Vorstellung.“ Nach München ist sie gerne zurückgekommen. Wegen der Stadt, besonders wegen der „kompetitiven medizinischen Fakultät“ und der Herausforderung, einen Lehrstuhl „nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, mit dem Besten der drei Kulturen, die ich kennengelernt habe.“

Da spricht sie wieder, die Vollblut-Forscherin, die ihre Arbeit auch als ihr wichtigstes Hobby bezeichnet. Sie kocht auch gerne für Freunde, Bekannte und Kollegen, weil das gemeinsame Essen die Menschen verbindet. Und sobald der Stress der ersten Vorlesungen auf Deutsch vorbei ist, will sie wieder mehr tun, „um mein Gehirn mit anderen Dingen in eine gesunde Balance zu bringen.“ Will heißen: mehr lesen. Zeitungen. Romane. Bücher über Philosophie und andere Geisteswissenschaften. Von da aus schließt sich der Bogen: Die Recherche in Sachen Ludwig II. in den Staatsarchiven sei „großer Spaß“ gewesen. Um ihre steile These über das Grund-Leiden des Monarchen zu untermauern, will sie nun eine Doktorarbeit an der Schnittstelle zwischen Chronobiologie und Geschichtswissenschaft in Auftrag geben. „Ja“, sagt sie wie zu sich selbst, „das gefällt mir wirklich.“

Quelle: Jahresbericht 2012 (Text und Bildnachweis)